|
Bismarc Media Aus ›Schröder erzählt: Offene Posten‹, 29. Folge
Die Bismarc Media war eine kryptische Agentur mit einer Aura von Bedeutsamkeit. Schlichter gesagt: Es sollte weniger gearbeitet als hochtrabend und geheimnisvoll herumgeschwafelt werden. Zunächst ging es mir allerdings nicht um ›Busineß-Art‹ – zu der ist das Ganze erst geworden, als mein ursprüngliches Konzept nicht funktionierte. Denn ich wollte einen Medienladen aufbauen, und dazu brauchte ich Kapital. Mit Hanns Eckelkamp von Atlas Film, dem wichtigsten Produzenten und Verleiher des neuen deutschen Films, vereinbarte ich eine Zusammenarbeit. Er war von meinem Multimedia-Projekt begeistert, wollte sich mit seinen Firmen daran beteiligen. Zunächst aber plante er natürlich auch, Pornofilme in Kinos zu zeigen, damit schnell Geld in die Kasse kam. Um die Verbote zu umgehen, gründete er einen Verein, die ›Gesellschaft für pornophile Kunst‹. Dieselbe stellte ein Sonderprogramm zusammen, eine Mixtur aus Stummfilmgrotesken der zwanziger Jahre und meinen Olympia-Press-Filmen. Ich wußte, ich würde keinen Banker für meine AV-Pläne finden – so lautete 1970 die Abkürzung für audiovisuelle Medien –, deshalb gründete ich die Bismarc Media SA in Genf. Die ließ verbreiten, daß ein ungenannter Kapitalgeber hinter ihr stehe, der dem März Verlag in Frankfurt eins Komma acht Millionen Entwicklungskosten für das ›KOPRA‹-Programm zahle. So stand es im ›Kress-Report‹ und schreckte die Bertelsmann-, Holtzbrinck- und Ullstein-Manager gehörig auf, die sich aber schnell einig darüber waren: »Für die neuen Medien ist die Zeit noch nicht reif, die Technik braucht noch Jahre.« Das wußte ich auch, aber ich wollte Programme produzieren, die sofort verwertet werden konnten, wollte Know-how ansammeln, einfach der erste sein. Meine Idee war: Ich hänge einen Faden in die Medienursuppe, daran werden sich die Geldgeber wie Kristalle ansetzen. Eben die Hochstaplermasche, sich bedeutend und gestopft zu geben, die Immobilien-Schneider erfolgreich anwandte, gar nichts Originelles und also auch nicht falsch. Nur hätte ich diese Taktik sinnvollerweise nicht mit neuen Medien, sondern lunkewitzmäßig mit Immobilien häkeln sollen, damit sie funktionierte. Bei Medien läuft es anders, da klopft keiner an und sagt: »Schröder, ich gebe dir Geld, entwickle mal.« Vielmehr fläzten sich die Manager lauernd in ihren Drehsesseln und feixten: »Sollen sie dir das doch finanzieren, deine anonymen Schweizer Partner. Wenn es gut ist, was du auf deren Kosten machst, übernehmen wir das Konzept und sparen die Entwicklungskosten.« Heute weiß ich das, 1970 wußte ich es noch nicht. Folglich bezog die Bismarc Media die fünfte Etage im Frankfurter Westend über dem März Verlag. Ein fashionables Büro mit Warhols und Lichtensteins an den Wänden. Ins Chefzimmer setzte ich den großschwafelnden Ernst Herhaus, der damals bevorzugt auf Business-Pfaden wandelte. Er hatte kurzfristig als Editor bei Harbridge House Inc. gearbeitet, einer Frankfurter Beratungsfirma, die sich mit dem »Managen des Managements« beschäftigte. Im Umfeld dieser Tätigkeit hatte Ernst einige Krisenberater kennengelernt, er pflegte Kontakte zu solchen Karrieristen und Wirtschaftsinnovateuren, besülzte sie in der Sprache der Kritischen Theorie. Er war ja mit Max Horkheimer befreundet und beherrschte die Wichtigtuer-Terminologie durchaus. Insofern war Ernst auch der richtige Mann für meine Bismarc Media. Literatur: Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus, ›Siegfried‹, März Verlag, Frankfurt a. M., 1972 (siehe Antiquariatsliste) Diedrich Diederichsen, ›Jörg Schröder. Der Verleger als Schamane und Schuhputzer‹, SPEX. Musik zur Zeit, Nr. 12/1986 Helmut Höge, ›Agentur in der induktiven Krise. Das Nichts im Getriebe: Jörg Schröder, Erfinder der Business Art, des erweiterten Verlegertums und der Firma ohne Geschäftsbereich. die tageszeitung (Berlin - Kultur), 7. März 1991 Diedrich Diederichsen, Ohne Titel. Aufsatz für den Spiegel, 1985 (dort nicht veröffentlicht). Veröffentlicht in den MÄRZ-Vorinformationen für Buchhandel und Presse, Juli bis November 1985 (siehe Antiquariatsliste)
|